Alle Jahre wieder - Verlautbarungen zu Schuljahresbeginn

Selbsttäuschung oder Irreführung der Eltern?

Zum Elternbrief zum Schuljahr 2018/19 und der Pressekonferenz mit Staatssekretär Lösel:

Der Elternbrief von Minister Lorz und die Aussagen des Staatssekretärs Lösel auf der Pressekonferenz in der vergangenen Woche verärgern sehr viele KollegInnen an den Schulen in Hessen und stellen eine massive Täuschung von Eltern, SchülerInnen und Öffentlichkeit dar.

Man fragt sich, ob der Minister die Öffentlichkeit bewusst in die Irre führen will, indem er von „nur qualifizierten Lehrkräften spricht“, die in Hessens Schulen eingesetzt werden:
„Trotz dieser Herausforderung (Über 50.000 neue SchülerInnen aufgrund von Zuwanderung und Flucht seit 2015) haben wir uns im Gegensatz zu anderen Ländern entschieden, für den in der Stundentafel vorgesehenen Unterricht auch weiterhin nur auf qualifizierte Lehrkräfte zu setzen.“
Von welcher Qualifizierung spricht der Minister hier?

An den Schulen Hessens unterrichten aktuell nicht wenige Personen, die kein erstes oder zweites Staatsexamen besitzen und zudemteilweise als Klassenlehrer eingesetzt werden. Lorz suggeriert der Elternschaft, dass alle ihre Kinder in allen Kernfächern von fertig ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden. Dies ist allerdings nicht korrekt. Seine Aussagen diesbzgl. stellen eine – und in seiner Position kann man unterstellen - bewusste Irreführung der Öffentlichkeit dar.

Mit der Aussage „Wir haben in Hessen die beste Lehrerversorgung bundesweit.“ steht Lösel fernab von der Untersuchung der INSM. Der Bildungsmonitor 2018 bescheinigt dem Land Hessen bei der Betreuungssituation, unter die auch das Lehrer-Schüler-Verhältnis und damit die Lehrerversorgung fällt, einen miserablen Platz 13 im Bundesländervergleich. Hier scheinen die gefühlten Verhältnisse des Ministers weit von der Realität entfernt zu sein. Auch im Gesamtranking belegt Hessen nur den zehnten Platz.

Das angesprochene„Maßnahmenpaket“ zur Gewinnung von Grund- und Förderschullehrkräften läuft zumindest für die GrundschulkollegInnenspätestens dann völlig ins Leere, wenn die umliegenden Bundesländer Hessens den Ländern Berlin, Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein folgen und Grundschullehrer mit A13 bezahlen. Denn gerade in den Randgebieten werden sich die Betroffenen überlegen, ob sie für ca. 450 € mehr im Monat in benachbarte Länder abwandern.
Dieses Szenario kann sich Staatssekretär Lösel offensichtlich nicht vorstellen. Seine Argumentation, eine Anhebung der Besoldungsstufe für GrundschulkollegInnen auf A13 sei gegenüber anderen Landesbediensteten „kaum verhältnismäßig“ klingt absurd, wenn er auf der anderen Seite eine höhere Besoldung der hessischen Beamten auf den Stand anderer Bundesländer ablehnt, wo KollegInnen für die gleiche Arbeit bis zu ca. 5000 € mehr pro Jahr erhalten.

Besonders demotivierend ist die aktuelle Situation für die Grundschullehrkräfte dann, wenn Lehrer aus dem Gymnasial- oder dem Haupt- und Realschulbereich an die Grundschulen abgeordnet sind, dort aber für die Grundschularbeit, für die sie in der Regel Unterstützung durch die Stammkräfte derGrundschulen benötigen, bis zu zwei Gehaltsstufen mehr erhalten.

Der Minister spricht von über 50.000 SchülerInnen, die durch Zuwanderung und Flucht in Hessens Schulen gelandet sind und 4.300 neuen Stellen. Rechnet man die scheinbar hohe Zahl der Stellen auf die 50.000 SchülerInnen um, ergibt sich eine Klassenstärke von im Durchschnitt knapp 12 SchülerInnen. Auch das hört sich noch gut an. Im Schulalltag muss sich allerdings dann manch ein/e Kollege/in um Kinder mit Traumata, mit unterschiedlichen Sprachen, unterschiedlichem Alter etc. kümmern. Wie belastend und problematisch diese Situation ist, ist dem Minister sicherlich nicht bekannt.

Der Minister preist im Elternbrief die 700 neu geschaffenen Stellen für SozialarbeiterInnen an den Schulen (UBUS). So sehr diese Maßnahme zu begrüßen ist, auch hier täuscht der Minister mit leidlich korrekter Wortwahl dafür, dass der Eindruck entsteht, diese Stellen seien bereits vollständig besetzt („Möglicherweise haben Sie oder Ihr Kind die neue Kollegin oder den neuen Kollegen, die dank dieser Stellen nun in den Schulen im Einsatz sind, bereitskennengelernt.“). Die neuen KollegInnen sind zumindest im Bereich des Staatlichen Schulamtes Gießengrößtenteils noch nicht im Einsatz, da die Einstellungsverfahren größtenteils noch laufen.

Auch dass die Stimmung an vielen Schulen so schlecht wie nie ist, verschweigt der Minister. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Die Inklusion fällt weit hinter die Qualitätsstandards des Gemeinsamen Unterrichts zurück, es bestehen Klassen mit vielen Inklusionskindern, die die sinnvolle Größe von 20 oder weniger Kindern deutlich überschreiten.

Die Digitalisierung soll von den KollegInnen umgesetzt werden. Die Voraussetzungen sind keineswegs gegeben. PCs sind veraltet und funktionieren nicht. Für die Netzwerkadministration gibt es nahezu keine Unterstützung, die zügig Fehler beheben oder das Netzwerk warten kann. Da kommt es schon mal vor, dass Beamer als einziges verbliebenes Mittel zum Anschreiben von Text länger als ein Jahr nicht funktionieren. Grüne Tafeln hat man aufgrund dessen, dass damit ein moderner Unterricht nicht möglich sei (Aussage einer Vertreterin des Landkreises Gießen), teilweise komplett abgeschafft.

Ein weiteres seit Jahren bestehendes Problem sind die nicht besetzten Stellen in vielen Schulleitungen. So müssen etliche Schulen mit zu wenig Schulleitungsmitgliedern auskommen. Dies sorgt für zusätzliche, nicht zwingend notwendige Reibungsverluste. So gibt es Schulen in Hessen, deren Schulleitungen nicht einmal zur Hälfte mit dem vorgesehenen Personal ausgestattet sind und in denen die Schulleitungsmitglieder oft weit über ihre Belastbarkeitsgrenzen gehen.

Für einige Aussagen von Lorz und Lösel gibt es mehrere Interpretationsmöglichkeiten, u. a.:

  • Sie beschönigen die ihnen bekannte Lage und versuchen durch bewusst missverständliche Aussagen, die Eltern zu beruhigen, um den von ihnen zu Anfang ihrer Amtszeit ausgerufenen Schulfrieden zu gewährleisten.
  • Sie haben keine Kenntnis der Lage in den Schulen und sind der ehrlichen Überzeugung, dass der Elternbrief bzw. die Aussagen auf der Pressekonferenz die Lage korrekt beschreiben.

Beide Interpretationen sind nicht unbedingt ein Merkmal hoher Qualität für Minister oder Staatssekretäre, die, wie allenthalben von der Politik heruntergebetet wird, zumindest nach außen eine gute Bildung für das wichtigste Ziel in unserer Gesellschaft halten. Misst man sie an ihren Taten, so ist festzustellen, dass das primäre Ziel vermutlich eher in der Haushaltssanierung und der schwarzen Null liegt.

Es wäre eine wünschenswerte Maßnahme, den Eltern und der gesamten Öffentlichkeit ehrlich mitzuteilen, wo die Probleme in den Schulen liegen und sie über die Zustände offen zu informieren. Das Schweigen darüber hilft nahezu niemandem außer vielleicht den Regierungsparteien. Vermutlich hofft man in Wiesbaden, dass bis zur Wahl im Oktober alles ruhig verläuft.

 

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